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Jahrgang 1936, stammt aus
Västeras/ Mittelschweden, wo er bis in die siebziger Jahre lebte. Der
Lyriker, Philosoph, Romancier und Maler ist seit 1982 in Austin/Texas Professor
für Sprachphilosphie und Linguistik. Als Maler war er bisher lediglich
in Schweden bekannt, da er bislang nur in Stockholm ausgestellt hat. "Speceri
& Diversehandel, Bilder und Computergraphiken", die im Oktober
2001 in der Galerie am Savignyplatz gezeigt wurden, war eine deutsche Premiere,
die der schwedische Botschafter Mats Hellström und seine Gattin mit
ihrem Besuch beehrten. Lars Gustafsson ist nicht nur Mitglied der Berliner
Akademie der Künste, er hat auch einige Jahre in Berlin gelebt, wo
er 1973 der verehrten Malerin Gisela Breitling die Pinsel wusch und ihr
Palettengeheimnisse ablauschte.
Gustafssons Computergraphiken gehen nicht selten auf alte Familienfotos
zurück und setzen das geheimnisvolle Spiel fort, das der Schriftsteller
mit Simultanitätsebenen treibt, und thematisieren die Fortdauer des
scheinbar Vergangenen. Beim Malen bevorzugt er kleine Formate und extreme
Farbigkeiten. Denn von den Farben erwartet Gustafsson in naher Zukunft die
Renaissance der Malerei.
SO VIELE VÄTER
Der schwedische Schriftsteller Lars Gustasson macht seine Visualität
sichtbar
Es ist ja so eine Sache, wenn Menschen, die durch etwas bekannt geworden
sind, sich getrieben fühlen, den Wechsel in ein anderes kreatives Genre
zu versuchen. Oft ist es gewiß eine Vergänglichkeitsangst, die
einem die Hoffnung eingibt, etwas Bleibendes zu produzieren, und wenn man
prominent ist, bekommt man auch das Forum dafür. So werden Paul McCartney
und Udo Lindenberg zu Malern, so wird Hellmuth Karasek zum Romanautor. Bei
dem schwedischen Schriftsteller Lars Gustafsson kann diese Kompensationstheorie
nicht angewendet werden. Seine künstlerischen Versuche sind nur ein
kleiner Klecks in einem groBen, denkenden und schreibenden Leben. Über
sechzig Bücher hat er veröffentlicht, viele davon auch in Deutschland,
und obgleich er erzählt, er habe sein ganzes Leben gemalt, so hat er
die Ergebnisse doch nur sporadisch gezeigt, zum ersten Mal in den: achtziger
Jahren in Stockholm. Zu dem Zeitpunkt war er bereits aus dem Schweden Olof
Palmes, in dem er sich eingeengt fühlte, ausgewandert - nach Austin,
Texas, wo er Philosophie unterrichtet, wenn er nicht gerade einen neuen
Roman, Gedichte oder seine monatliche Kolumne für die schwedische Monatsschrift
Moderna Tider" schreibt.
Dort wird besonders deutlich, wie Theorie und Anschauung bei Gustafsson
eine Symbiose eingehen. Als Philosoph und Ideenhistoriker lehnt er die traditionelle
Trennung von Form und Inhalt kategorisch ab. Und so besteht fast jede Kolumne
aus einer wissenschaftlichen Überlegung und aus präzisen Beobachtungen
des Alltags. Und wie seine Literatur bei aller Reflexivität etwas Visuelles
hat, so doziert er in dem kleinen Katalog, der der Ausstellung beigegeben
ist: Kunst findet im Gehirn statt." Das Malen wird zur philosophischen
Tätigkeit; in Auseinandersetzung mit der neuesten Forschung zu den
Mechanismen des Sehens überlegt Gustafsson, "wie es dem Gehirn
gelingt, aus dem Gewimmel unterschiedlicher Winkel und Perspektiven das
Bild eines zusammenhängenden, konstanten, materiellen Gegenstands zu
erschaffen". Fast gewinnt man den Eindruck, der gedankliche Prozeß
der Kunst interessiere Gustafsson mehr als seine Produkte. Diese, die Bilder,
bestehen aus zwei Gruppen. Zum einen sind es kleine Acryl- und Ölbilder,
die teils sparsam bestrichen, teils üppiger sind und dann ein wenig
an Edvard Munch gemahnen. Eines der Bilder bezeichnet Gustafsson als Entwurf
für seinen nächsten Roman "Der Dekan", der seine "amerikanische
Trilogie" abschließen soll. Den zweiten Teil bilden Computergrafiken,
Verfremdungen von Fotografien, die Gustafssons Vater in den zwanziger Jahren
gemacht hat, etwa von dem Kaufladen, in dem er arbeitete und der der Ausstellung
den Namen gegeben hat ("Speceri- & Diversehandel"). Doch für
den malenden Exilschweden gibt es noch eine weitere Vaterfigur: August Strindberg.
Bei der Vernissage konnte Gustafsson nicht umhin, darauf zu verweisen, daß
in Paris derzeit eine große Strindberg-Retrospektive läuft. Aber
man kann ja erst einmal am Savignyplatz anfangen.
Johann Schloemann
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Ausgabe 10. Oktober 2001 |